Ratgeber · Rezept und Kasse
Langfristiger Heilmittelbedarf: wann Physiotherapie dauerhaft verordnet wird
Für bestimmte schwere Diagnosen kann Physiotherapie dauerhaft verordnet werden, ohne dass die Verordnungsmenge begrenzt wird. Maßgeblich ist die Diagnoseliste zum langfristigen Heilmittelbedarf, die als Anlage 2 zur Heilmittel-Richtlinie geführt wird. Steht Ihre Diagnose mit dem passenden ICD-10-Code darauf, gilt die Genehmigung als erteilt - ein gesonderter Antrag ist dann nicht nötig.
- Herausgegeben von: Redaktion FPZ Rückentherapie Halle · Therapeutisches Team
- Aktualisiert am
- 6 Minuten Lesezeit
- 10 %
- Zuzahlung, unverändert
- plus 10 Euro je Verordnung, auch bei Langzeitverordnung
- 1 %
- Belastungsgrenze bei chronisch Kranken
- statt 2 Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen
Quelle: Anlage 2 zur Heilmittel-Richtlinie; § 62 SGB V.
Worum es geht
Normalerweise ist die Menge der verordneten Behandlungen begrenzt: Die Heilmittel-Richtlinie nennt für jede Diagnosegruppe eine orientierende Behandlungsmenge, und wer darüber hinaus behandelt werden muss, braucht eine ärztliche Begründung.
Beim langfristigen Heilmittelbedarf entfällt diese Begrenzung. Gedacht ist das für Menschen mit einer schweren dauerhaften funktionellen oder strukturellen Schädigung, bei denen die Therapie nicht auf ein Behandlungsziel in einigen Wochen hinarbeitet, sondern den Zustand über Jahre hält.
Der entscheidende Punkt: die Diagnoseliste
Der Gemeinsame Bundesausschuss führt eine Liste von Diagnosen, bei denen ein langfristiger Heilmittelbedarf ohne weitere Prüfung anerkannt ist. Sie ist als Anlage 2 zur Heilmittel-Richtlinie veröffentlicht.
Steht Ihre Diagnose mit dem passenden ICD-10-Code darauf, gilt die Genehmigung als erteilt. Es braucht keinen Antrag und keine Zustimmung der Kasse.
Zwei Dinge sind dafür wichtig:
Der Code muss stimmen. Maßgeblich ist nicht die Bezeichnung der Erkrankung, sondern der genaue ICD-10-Code samt Zusatzkennzeichen. Bitten Sie die verordnende Praxis, ihn auf der Verordnung anzugeben.
Die Schädigung muss zur Liste passen. Gelistet sind überwiegend schwere neurologische, orthopädische und onkologische Erkrankungen. Ein chronischer Rückenschmerz ohne strukturelle Schädigung gehört in aller Regel nicht dazu.
Wenn Ihre Diagnose nicht gelistet ist
Dann bleibt der Weg über den Antrag. Die verordnende Praxis begründet, warum ein langfristiger Bedarf besteht, Sie reichen den Antrag bei Ihrer Krankenkasse ein.
Die Kasse muss darüber zügig entscheiden. Entscheidet sie nicht innerhalb der gesetzlichen Frist und teilt Ihnen auch keinen Grund für die Verzögerung mit, gilt die Genehmigung als erteilt. Bewahren Sie deshalb den Nachweis über den Eingang Ihres Antrags auf.
Was eine Langzeitverordnung nicht ist
Sie ist kein Freibrief ohne ärztliche Kontrolle. Die verordnende Praxis bleibt in der Verlaufskontrolle, und Sie stellen sich weiterhin vor. Was entfällt, ist die Begründung für die Menge - nicht die Medizin dahinter.
Sie ist auch keine Befreiung von der Zuzahlung. Die bleibt bei 10 Prozent plus 10 Euro je Verordnung. Wer allerdings dauerhaft behandelt wird, sollte die Belastungsgrenze im Blick behalten: Für chronisch Kranke in Dauerbehandlung liegt sie bei 1 Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen statt bei 2.
Wenn keine Langzeitverordnung möglich ist
Bei chronischen Rückenbeschwerden ohne gelistete Diagnose ist die Langzeitverordnung meist nicht der Weg. Dann geht es um etwas anderes: um ein Programm mit Anfang und Ende, das die Belastbarkeit messbar erhöht, statt den Zustand über Jahre zu halten.
Genau dafür sind gerätegestützte Aufbauprogramme gedacht - mit Eingangsmessung, Trainingsphase und Abschlussmessung. Was sich dabei verändert hat, steht danach schwarz auf weiß.
Häufige Fragen dazu
Kann Physiotherapie dauerhaft verschrieben werden?
Ja, bei langfristigem Heilmittelbedarf. Voraussetzung ist eine schwere dauerhafte funktionelle oder strukturelle Schädigung. Für die in der Anlage 2 zur Heilmittel-Richtlinie gelisteten Diagnosen gilt die Genehmigung als erteilt, für andere kann sie bei der Krankenkasse beantragt werden.
Welche Diagnosen berechtigen zur Langzeitverordnung?
Die Liste führt Diagnosen mit dem jeweiligen ICD-10-Code, überwiegend aus der Neurologie, Orthopädie und Onkologie - etwa Multiple Sklerose, Zustand nach Schlaganfall mit anhaltenden Funktionsstörungen, Querschnittlähmung oder bestimmte Systemerkrankungen. Entscheidend ist der genaue Code auf der Verordnung, nicht die Bezeichnung.
Wie beantrage ich eine Langzeitverordnung, wenn meine Diagnose nicht gelistet ist?
Über einen Antrag bei Ihrer Krankenkasse. Die verordnende Praxis begründet den langfristigen Bedarf, die Kasse entscheidet. Über einen genehmigungspflichtigen Antrag muss sie zügig entscheiden; erfolgt keine Entscheidung innerhalb der gesetzlichen Frist, gilt die Genehmigung als erteilt.
Was ändert sich mit einer Langzeitverordnung im Alltag?
Die Verordnungsmenge ist nicht mehr durch die orientierende Behandlungsmenge begrenzt, und es braucht keine gesonderte Begründung für weitere Verordnungen. Die ärztliche Verlaufskontrolle bleibt bestehen - eine Langzeitverordnung ist kein Dauerrezept ohne Wiedervorstellung.
Gilt die Zuzahlung auch bei Langzeitverordnungen?
Ja, unverändert 10 Prozent der Kosten plus 10 Euro je Verordnung. Wer dauerhaft in Behandlung ist, erreicht die Belastungsgrenze allerdings schneller - bei chronisch Kranken liegt sie bei 1 Prozent der Bruttoeinnahmen im Jahr.